Über Mevlüde Genç

Mevlüde Genç (1943-2022) wurde durch unvorstellbares Leid zur Friedensbotschafterin. Nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen 1993, bei dem sie fünf Töchter und Enkelinnen verlor, wählte sie nicht den Weg der Verbitterung, sondern den der Versöhnung. Ihre Botschaft von Mitmenschlichkeit und Zusammenhalt prägte Generationen und macht sie zu einer der wichtigsten moralischen Stimmen Deutschlands.

Ihr Leben vor der Tragödie (1943-1993)

Mevlüde Genç wurde 1943 in dem kleinen Dorf Mercimek in Amasya in der Türkei geboren. In den 1970er Jahren kam sie als junge Frau nach Deutschland. Sie folgte ihrem Mann Durmuş, der als Gastarbeiter wie viele seiner Generation auf der Suche nach einem besseren Leben für seine Familie war. Durmuş und Mevlüde ließen sich in Solingen nieder, einer Stadt, die für sie zur Heimat werden sollte.

In Solingen baute Mevlüde Genç ihr Leben auf: Sie zog ihre Kinder groß, arbeitete hart und wurde Teil der Nachbarschaft. Ihr Haus in der Unteren Wernerstraße war mehr als nur ein Zuhause: es war der Mittelpunkt einer großen, lebendigen Familie. Hier lebten drei Generationen unter einem Dach: Großeltern, Eltern, Kinder und Enkelkinder.

Mevlüde Genç war eine Frau, die ihre Familie zusammenhielt. Sie sorgte sich um alle, öffnete ihr Haus für Verwandte, Freunde und Nachbarn. Ihre Küche war immer voller Leben, ihre Tür stand offen für jeden, der Hilfe brauchte.

Nach dem Anschlag: Der Weg zur Friedensbotschafterin (1993-2022)

In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1993 veränderte sich alles. Vier junge Männer setzten das Haus der Familie Genç in Brand. Fünf junge Frauen starben in den Flammen: Mevlüde Genç' Töchter Gürsün İnce (27) und Hatice Genç (18), ihre Enkelinnen Saime Genç (4) und Hülya Öztürk (9) sowie ihre Nichte Gülüstan Öztürk (12).

Was Mevlüde Genç in den Tagen nach der Tragödie tat, war außergewöhnlich. Statt zu Hass und Rache aufzurufen, bat sie um Versöhnung und Besonnenheit. Bei der Beerdigung ihrer Angehörigen sprach sie Worte, die Deutschland bewegten: Sie rief zu Frieden und Verständigung auf, warnte vor Vergeltung und Gewalt. 1995, zwei Jahre nach dem Anschlag, nahm Mevlüde Genç die deutsche Staatsbürgerschaft an, mit den Worten:

„Ich lebe in Deutschland, also will ich Deutsche sein.“

Diese Haltung machte Mevlüde Genç zur moralischen Instanz. Sie wurde zur Brückenbauerin zwischen den Kulturen, zur Mahnerin gegen Rassismus, zur Botschafterin der Menschlichkeit. Jahrzehntelang sprach sie in Schulen, bei Gedenkveranstaltungen und in der Öffentlichkeit. Ihre Botschaft war immer dieselbe:

„Lasst uns als Geschwister leben. Lasst uns als Freunde leben. Lasst uns mit Weitsicht leben. Lasst uns keinen Schritt rückwärts machen.”

Mevlüde Genç erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande (1996), Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen (2013) und zahlreiche weitere Ehrungen von Städten, Organisationen und Institutionen. Doch wichtiger als alle Ehrungen war ihr alltägliches Wirken: Sie besuchte Schulklassen, sprach mit jungen Menschen, erzählte ihre Geschichte, um zu bilden und zu mahnen.

Bis zu ihrem Tod am 30. Oktober 2022 blieb sie dieser Mission treu.

Erinnerung und Vermächtnis

Das Lebenswerk von Mevlüde Genç lebt in verschiedenen Formen weiter:

Bücher und Publikationen

Filme und Dokumentationen

Mevlüde Genç' größtes Vermächtnis aber sind die Menschen, die sie inspiriert hat: Schülerinnen und Schüler, die durch ihre Worte zu Zivilcourage ermutigt wurden, Lehrkräfte, die ihre Geschichte weitertragen, Mitmenschen, die sich durch ihre Haltung für das Miteinander einsetzen, und alle, die verstanden haben, dass Versöhnung möglich ist – auch nach dem Schlimmsten.

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